Zivilisation


Zivilisation

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Zi|vi|li|sa|ti|on [ts̮iviliza'ts̮i̯o:n], die; -:
Gesamtheit der durch Technik und Wissenschaft gestalteten und verbesserten sozialen und materiellen Lebensbedingungen:
Ägypten verfügte früh über eine hoch entwickelte Zivilisation.

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Zi|vi|li|sa|ti|on 〈[ -vi-] f. 20die technisch fortgeschrittenen, verfeinerten äußeren Formen des Lebens u. der Lebensweise eines Volkes, im Unterschied zur Kultur [→ zivilisieren]

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Zi|vi|li|sa|ti|on , die; -, -en [frz. civilisation, engl. civilization]:
1.
a) Gesamtheit der durch den technischen u. wissenschaftlichen Fortschritt geschaffenen u. verbesserten sozialen u. materiellen Lebensbedingungen:
dieses Land hat eine hohe, niedrige Z.;
die christliche Z. retten wollen;
die Segnungen der Z.;
die Expedition kehrte glücklich in die Z. (in besiedeltes Gebiet) zurück;
b) Zivilisierung.
2. <o. Pl.> (selten) durch Erziehung, Bildung erworbene [verfeinerte] Lebensart:
ein gewisses Maß an Z. besitzen.

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I
Zivilisation
 
[französisch civilisation, englisch civilization, zu lateinisch civilis »den Staatsbürger betreffend«, »bürgerlich«], im 18. Jahrhundert von Frankreich ausgehend zunehmend gebrauchter Begriff, der zunächst auf einen speziell die französische Gesellschaft des Ancien Régime kennzeichnenden Verschmelzungsprozess adliger und bürgerlicher Wertvorstellungen verwies. Die am französischen Hof gebräuchliche Vorstellung einer »civilité« zielte in ihrer Grundbedeutung nicht auf einen mit Wahlrecht und anderen Grundrechten ausgestatteten Staatsbürger im Sinne des 19. Jahrhunderts (Zivilgesellschaft), sondern auf die Tugenden, Fertigkeiten und Verhaltensnormen, die ein Mensch im Zusammenhang eines durch Etikette, Bildung und kultivierte Umgangsformen höfisch oder sonst wie ständisch bestimmten Kreises ausbilden soll. Dies verband sich mit der Vorstellung eines Fortschritts des aufsteigenden städtischen Wirtschafts- und Beamtenbürgertums, der neben der moralischen Verbesserung des Einzelnen v. a. die Weiterentwicklung der Technik sowie der geistigen, ökonomischen, sozialen, wissenschaftlichen und materiellen Verhältnisse in den Blick nahm. In diesem umfassenden Sinn bezeichnet Zivilisation den Zustand einer Gesellschaft, die sich ihrem Selbstverständnis nach durch einen weit entwickelten Stand gesellschaftlicher, wirtschaftlicher, technischer und nicht zuletzt soziokultureller und institutioneller Entwicklungen (z. B. Arbeitsteilung, politische Institutionen, Geldverkehr und Fernhandel und die Ausbildung eines Wissenschaftssystems) auszeichnet und entsprechend normierte und differenzierte Verhaltensstandards und Rollenerwartungen für den Einzelnen ausgebildet hat.
 
Eine zweite Bedeutungsdimension erhielt der Begriff Zivilisation im Zuge der kolonialistischen und ethnologischen Auseinandersetzung mit Menschen und Kulturen in Afrika, Asien und Lateinamerika. Im 19. Jahrhundert etablierte sich die Vorstellung von den »unzivilisierten« außereuropäischen Gesellschaften, die kolonialistischen Maßnahmen unter dem Signum zivilisatorischer »Missionen« legitimierten. In diesem Sinn wird Zivilisation als Resultat eines historischen Prozesses begriffen, der prinzipiell allen Völkern offen sein sollte. Der eigene Zustand wird dabei mit dem verwirklichten Fortschritt identifiziert, der als objektiv-weltgeschichtliches Geschehen interpretiert wird. Die universalistische Theorie einer weltweiten Durchsetzung des Kapitalismus und seiner Ablösung durch einen im eigentlichen Sinn »zivilisierenden« Sozialismus, wie sie von K. Marx und F. Engels vertreten wurde, sowie andere sozialwissenschaftliche und geschichtsphilosophische Evolutionsmodelle teilen diese Vorstellung.
 
Eine wesentliche Einschränkung erfuhr der Begriff in der deutschen (geschichts-)philosophischen Diskussion. Auch vor dem Hintergrund, dass sich die in Frankreich vollzogene Verbindung von Adel und Bürgertum so in Deutschland nicht herstellen wollte, erschien Zivilisation nunmehr als Ausdruck einer die »westlichen« Gesellschaften kennzeichnenden »künstlichen«, »oberflächlichen« Modernität, der hinsichtlich Deutschlands die Leitvorstellung von »gewachsener«, »tiefgründiger« Kultur gegenübergestellt wurde. Im Rahmen von pessimistischen und kulturkritischen Geschichtsphilosophien um 1900 (F. Nietzsche, O. Spengler, A. J. Toynbee) ergab sich hier eine Umkehrung des vorherrschenden Evolutionismus, in deren Zusammenhang nun die am weitesten zivilisierten Staaten oder sozialen Gebilde auf dem Weg zum kulturellen Untergang gesehen wurden.
 
Während sich in den angelsächsischen Ländern und im französischen Sprachraum eine Gleichsetzung von Kultur und Zivilisation durchsetzte, sodass etwa E. B. Tylor in seiner berühmten Definition von »Kultur oder Zivilisation« (Kultur) sprechen konnte, blieb in Deutschland die Vorstellung von einem den Begriffen innewohnenden Unterschied bis nach 1945 vorherrschend und fand erst langsam im Zuge einer Ausbreitung soziologischen und ethnologischen Wissens ein Ende.
 
In der heutigen Diskussion lassen sich infolgedessen mit dem Begriff der Zivilisation drei unterschiedliche Bedeutungsebenen ansprechen: 1) der entwickelte Zusammenhang materiell-technischer und geistig-wissenschaftlicher sowie kultureller, religiöser und politischer Gebilde und der dazugehörigen Verhaltensmuster im Sinne der Kulturanthropologie Tylors; 2) die Absetzung der Zivilisation von Kultur, wenn damit v. a. die Bereiche des wissenschaftlichen und technischen sowie ökonomischen Fortschritts gemeint sind; 3) der dem Sozialisationsprozess vergleichbare historische und psychodynamische Prozess der Herausbildung von Verhaltensstandards und der Affektmodellierung von Individuen und sozialen Gruppen, in dessen Verlauf sich äußere Zwänge (»Fremdzwänge«) in die Ausbildung von innengeleiteten Kontrollinstanzen (»Selbstzwänge«, Gewissen, Scham- und Peinlichkeitsschwellen) umsetzen ließen. Diese dritte Bedeutungsebene entspricht dem von N. Elias aufgestellten Modell des Zivilisationsprozesses (das von D. Claessens hinsichtlich einer soziologischen Anthropologie präzisiert wurde) und bezeichnet mit Zivilisation die im Prinzip unabgeschlossene Ausbildung von Verhaltensstandards, die die Kontrolle von Aggression, zivilere Verkehrsformen und innergesellschaftliche Pazifizierung in Verbindung mit Entwicklungen der materiellen Kultur, gesellschaftlichen Institutionen und technisch-wissenschaftlichen Fortschritt zeitigen können. Elias berücksichtigt dabei im Begriff des »Entzivilisierungsschubes« auch die Möglichkeit einer zeitweiligen Verzögerung und Umkehrung des Zivilisationsprozesses, also eines aufbrechenden Gewaltpotenzials, das in letzter Konsequenz die Ergebnisse des Vergesellschaftungsprozesses infrage stellen oder wieder aufheben könnte. Andere, wie etwa A. Gehlen, sehen im Prozess fortschreitender Zivilisation die Gefahr einer Selbstzerstörung der menschlichen Zivilisation, da deren Fortschritt zur Überlastung der individuellen und sozialen Kontroll- und Steuerungsmechanismen führen könnte. Der Ethnologe Hans-Peter Dürr (* 1943) äußerte Zweifel an der Universalität des von Elias aufgestellten Modells, während der Soziologe Stefan Breuer (* 1948) auf die historische und ständische Gebundenheit des heute gebräuchlichen Zivilisationsbegriffes aufmerksam machte.
 
 
E. B. Tylor: Primitive culture, 2 Bde. (New York 31889, Nachdr. ebd. 1977);
 D. Ribeiro: Der zivilisator. Prozeß (a. d. Port., Neuausg. 1983);
 A. Gehlen: Urmensch u. Spätkultur (51986);
 B. Nelson: Der Ursprung der Moderne. Vergleichende Studien zum Z.-Prozeß (a. d. Engl., Neuausg. 1986);
 U. Bitterli: Die »Wilden« u. die »Zivilisierten«. Grundzüge einer Geistes- u. Kulturgesch. (21991);
 D. Claessens: Das Konkrete u. das Abstrakte. Soziolog. Skizzen zur Anthropologie (Neuausg. 1993);
 H.-P. Dürr: Der Mythos vom Z.-Prozeß, auf 4 Bde. ber. (Neuausg. 1994 ff.);
 S. Breuer: Die Gesellschaft des Verschwindens. Von der Selbstzerstörung der techn. Z. (Neuausg. 1995);
 N. Elias: Über den Prozeß der Z., 2 Bde. (201997);
 H. Saña: Die Z. frißt ihre Kinder (1997).
 
II
Zivilisation,
 
Kultur.
 

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Zi|vi|li|sa|ti|on, die; -, -en [frz. civilisation, engl. civilization]: 1. a) Gesamtheit der durch den technischen u. wissenschaftlichen Fortschritt geschaffenen u. verbesserten sozialen u. materiellen Lebensbedingungen: dieses Land hat eine hohe, niedrige Z.; Wir ... hatten ihr Land urbar gemacht und ihnen die Z. gebracht (Welt 9. 6. 62, 3); ... einen, der ausgezogen ist, die christliche Z. zu retten (Augstein, Spiegelungen 20); Taube ließ heißes Wasser ein, dachte daran, dass man die Segnungen der Z. schon für selbstverständlich hielt (H. Weber, Einzug 73); ... kannte ich damals schon die erdrückende Überlegenheit der Kultur und ebenso der Z. der Länder des Ostens über die in einem Glauben gefangene Welt des christlichen Westens (Stern, Mann 236); die Expedition kehrte glücklich in die Z. (in besiedeltes Gebiet) zurück; b) Zivilisierung. 2. <o. Pl.> (selten) durch Erziehung, Bildung erworbene [verfeinerte] Lebensart: Chic ist nur denen gegeben, die ein gewisses Maß an Z. ... besitzen (Dariaux [Übers.], Eleganz 33).

Universal-Lexikon. 2012.

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